Macht

Was macht Macht? 

"Macht" erscheint oft als schillernder Begriff. Welche Bedeutungsaspekte hat er und was hat das alles mit der römisch-katholischen Kirche zu tun?

Macht bedeutet in irgendeiner Weise ein Abhängigkeits- oder Überlegenheitsverhältnis: „Es ist immer so gewesen, dass der Mindere sich dem Mächtigeren fügen muss“ (Anter 2012, 19), so der griechische Geschichtsschreiber Thukydides. Gleichzeitig benennt er bereits konkrete Konsequenzen: Gerechtigkeit werde unter dem Einfluss der Macht zu einem relativen Konzept; so gelte als „gerecht“ nur noch, was dem Mächtigen nützt (21). Die Mächtigen bestimmen über zentrale ethische Konzepte, das bedeutet eine kleine, meist homogene Gruppe, nimmt großen Einfluss auf die Deutung sozialer Wirklichkeit auch der pluralen Mehrheit. Die römisch-katholische Kirche, qua definitionem hierarchisch strukturiert, ist von diesen Mechanismen der Macht nicht ausgenommen. Was aber passiert, wenn die Überlieferung einer Religionsgemeinschaft nur durch diese kleine Gruppe der Amtsträger festgelegt wird, die im Fall der römisch-katholischen Kirche meist männlich, heterosexuell und zölibatär lebend sind? 

 

Macht ist also mit Asymmetrie, Ungleichheit, verknüpft — und mit sozialen Beziehungen:

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (55)

Mit welchen Mitteln der eigene Wille letztlich durchgesetzt wird oder zukünftig erreicht wird, bleibt offen. Aus diesem Grund ist das Phänomen der Macht ethisch indifferent, wie Staatstheoretiker Carl Schmitt auf den Punkt bringt:

 

„Die Macht ist an sich weder gut noch böse; sie ist an sich neutral; sie ist das, was der Mensch aus ihr macht.“ (48)

 

Macht bestehe stets nur situativ schreibt Hannah Arendt: Macht „besitzt eigentlich niemand, sie entsteht zwischen Menschen, wenn sie zusammen handeln und sie verschwindet, sobald sie sich wieder zerstreuen.“ (94) Niklas Luhmann allerdings sieht Macht in Institutionen verfestigt:

 

„Macht wird in der modernen Gesellschaft […] auf Grund von formaler Organisation ausgeübt.“ (128)

 

In Organisationen, wie etwa dem staatlichen Verwaltungsapparat, wird Macht differenziert und verteilt, dadurch kommt es zu Prozessen der Institutionalisierung. Institutionalisiert sich Macht, wird sie zu Herrschaft. Sie wird an Ämter oder Positionen geknüpft und so von Einzelpersonen unabhängig, gleichzeitig werden inhaltliche Punkte in Regeln formalisiert und diese Machtstruktur in eine übergreifende Ordnung integriert. Ist eine Herrschaft etabliert, hat sie „die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.“ (56) Soll sie auf Dauer angelegt sein, ist sie jedoch auf die Zustimmung der Beherrschten angewiesen. Dass diese nicht allzu schwer zu erlangen ist, ist dadurch zu erklären, dass Herrschaftsstrukturen dem menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit und Verbindlichkeit entgegenkommen, die Einzelperson von Entscheidungszwängen entlasten und Komplexität reduzieren. In der Institution der Kirche hat sich Macht zu Herrschaftsstrukturen verfestigt. Wie kann diese kontrolliert werden, sodass sie nicht missbraucht werden kann? Der erste Schritt dazu liegt in der Reflexion bereits bestehender Macht- und Herrschaftsstrukturen. Hier besteht bereits ein großes Defizit, wird doch oft euphemistisch anstatt von Macht lediglich von Dienst gesprochen. Angesichts der Ergebnisse der MHG-Studie, die Missbrauch begünstigende Faktoren im System römisch-katholische Kirche identifiziert hat, ist die Etablierung einer effektiven Praxis der Machtbegrenzung und -kontrolle umso drängender.

 

Wie die historische Erfahrung zeigt, „ist kaum eine Macht daran interessiert, sich kontrollieren zu lassen; sie muss immer hierzu gezwungen werden.“ (44) Moderne Verfassungsstaaten garantieren dies durch Machtbegrenzung, Gewaltenteilung und Rechtsbindung der Staatsgewalt. Dahinter steht als normativer Grundgedanke die Sicherung der Freiheit: sie gibt es nur dort, wo Macht nicht missbraucht wird (44). In der Umkehrung dessen postuliert Heinrich Popitz:

 

„Wo ein neues, sensibilisiertes Freiheitsbewusstsein durchbricht, werden Machtverhältnisse in Frage gestellt.“ (76)

 

Das tun auch wir und fordern eine Demokratisierung kirchlicher Strukturen, weg von der alleinigen Fokussierung auf das Priesteramt: Mach mit!

 

Autorin: Franziska

 

Literatur: Andreas Anter, Theorien der Macht. Zur Einführung, Hamburg 2012.

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